Kanton Uri: Biologe Urs Wüthrich zu einem Nationalpark im Kanton Uri
«Bei uns machen nicht nur Grüne mit»
Urs Wüthrich glaubt immer noch an einen Nationalpark im Kanton Uri. Nach dem Landrat hofft er auf ein positives Zeichen der Regierung.
INTERVIEW: MARKUS ZWYSSIG, Neue Urner Zeitung, 18.11.2000
Gegen einen Nationalpark in Uri regt sich viel Wiederstand. Gibt es überhaupt noch eine Chance für eine Realisierung?
Urs Wüthrich: Das glaube ich sehr wohl. Vielleicht wurde das bisher zu wenig wahrgenommen, aber es gibt auch positive Stimmen. Die Gemeinden Erstfeld, Gurtnellen und Altdorf haben sich explizit für die Prüfung eines Nationalparks ausgesprochen. Wobei Altdorf zwar kaum geeignete Fläche anbieten könnte, aber hier hat man signalisiert, dass man in einer Arbeitsgruppe mitmachen würde. Das heisst nicht, dass die Gemeinden Ja sagen zu einem Nationalpark, aber sie sagen Ja zu einer Prüfung.
In den Gemeinden Silenen und Göschenen ist die Haltung sehr ablehnend. Wo könnte ein Nationalpark in Uri sonst noch entstehen?
Wüthrich: Erstfeld und Gurtnellen bieten Flächen, die durchaus interessant sind. Ich persönlich favorisiere einen Nationalpark im Oberland. Das Urserntal würde ich nicht mit einbeziehen, weil das Gebiet touristisch gut erschlossen ist und es somit keinen Platz für einen Nationalpark hat. Denkbar ist aber auch, über einen Nationalpark im Urirotstockgebiet, im Isental oder im Raum Attinghausen nachzudenken. Viele Gemeinden haben gesagt, sie möchten weiter informiert werden. Ausgebremst worden sind wir aber von der Korporation.
Die anfänglich sehr ablehnende Haltung der Korporation respektive des Engeren Rates ist einer Gesprächsbereitschaft gewichen. Wann treffen Sie sich mit Korporationsvertretern?
Wüthrich: Die Korporation zeigt Bereitschaft, mit uns an einen Tisch zu sitzen. Wir haben diese Woche einen Brief abgeschickt. Darin geben wir den Korporationsvertretern ein paar mögliche Daten für ein Treffen zur Auswahl. Wir erhoffen uns nun einen starken Impuls von politischen Instanzen.
Gefordert wäre da wohl vor allem die Regierung?
Wüthrich: Ich denke schon. Eine Gemeinde kann dies in Uri nicht alleine. Da muss der Kanton unbedingt mithelfen. Nun sollte die Regierung Gemeinden und Organisationen einladen und offene Fragen im Zusammenhang mit einem Nationalpark klären. Die Regierung müsste der Pro Natura Schweiz signalisieren, dass man an weiteren Abklärungen interessiert ist. Gefordert ist auch der Bund. Pro Natura hat im Engadin einen ersten Nationalpark aufgebaut. Diesen hat unsere Umweltorganisation ebenfalls an den Bund abgegeben. Wir unterstützen den Nationalpark zwar immer noch ideell und finanziell, aber die Verantwortung können wir als Verein nicht alleine tragen.
Wie viel Zeit bleibt Uri noch, um gegenüber der Pro Natura Schweiz ein Interesse an einem Nationalpark zu bekunden?
Wüthrich: Die Pro Natura ist bereits daran, in der Schweiz verschiedene Gebiete zu bezeichnen, in denen ein Nationalpark zu stehen kommen könnte. Andere Gebiete wurden vermutlich bis Frühling 2001 zurückgestellt. Eine Interessenbekundung aus dem Kanton Uri müsste in den nächsten drei Monaten erfolgen. Es kann auch eine Gemeinde sein, aber wenn das Schreiben von der Regierung käme, wäre dies am sinnvollsten. Die betreffenden Amtsstellen sind über die Möglichkeiten eines Nationalparks in Uri bereits sehr gut informiert.
Macht die Regierung da mit?
Wüthrich: Ich denke, in der Regierung stehen die Chancen gut. 51 Landrätinnen und Landräte haben die Interpellation zur Abklärung eines Nationalparks in Uri von Walter Brücker unterzeichnet. Der Vorstoss kam aus Kreisen der CVP. Ich glaube, dass die Regierung sich engagieren wird.
Gäbe es in Uri einen Nationalpark, so könnte man in diesem Gebiet weder Landwirtschaft betreiben noch jagen oder strahlnen. So lautet der Tenor der Gegner, und auch an vielen Stammtischen in Uri tönt es nicht viel anders. Was ist wahr daran?
Wüthrich: In einer Kernzone ist es tatsächlich ein Ziel, dass die Natur sich selber überlassen wird. Das heisst, es gibt dort ein Jagdverbot und es ist keine weitere Bewirtschaftung möglich. Wir sind aber nie davon ausgegangen, dass wir in einer heutigen Bewirtschaftungszone eine Kernzone schaffen wollen. Vielmehr soll der Ist-Zustand so belassen werden wie heute. Die Kernzone ist nur ein Teil des Nationalparks. Es gibt auch eine Umgebungszone, in der weit mehr erlaubt ist.
Woher kommt dann bei den Gegnern die Unruhe?
Wüthrich: Das hängt vielleicht auch mit den gemachten Vorschlägen für Gebiete zusammen. Die sind zwar bezeichnet, aber nicht kommentiert worden. Mir ist es sehr wohl klar, dass es durch Landwirtschaft, Tourismus, Strahler, Jäger oder Sportler genutzte Gebiete gibt, die nicht in die Kernzone eines Nationalparks gehören. Gerade deshalb wollen wir ja an einen Tisch sitzen mit den verschiedenen Exponenten. Die Kernzone muss am richtigen Ort gesetzt werden, das bedingt möglicherweise auch, dass man Jagdbanngebiete umlagern würde. Die Kernzone muss nicht zusammenhängend sein, sondern kann auch aus Inseln in den Umgebungszonen stehen.
Pro Natura bietet 1 Million Franken als Starthilfe für die Realisierung eines Nationalparks. Wie weit reicht das Geld?
Wüthrich: Das kann ich heute nicht sagen. Das kommt darauf an, wie ein Nationalpark realisiert wird. Wenn man von Ausgaben spricht, nimmt dieses Geld auf der anderen Seite wieder jemand ein. Mit einem Nationalpark wäre eine unterschiedliche Wertschöpfung für den Kanton verbunden. Uri kann keinen allzu grossen Zustrom an Besucherinnen und Besuchern verkraften.
Wie viele Arbeitsplätze können geschaffen werden?
Wüthrich: Auch diese Frage ist heute kaum zu beantworten. Es gibt wohl einiges, vor allem an Teilzeitarbeit in der Landwirtschaft und im Tourismusbereich. Ein Nationalpark braucht Angestellte. Landwirte könnten vielleicht das Schlafen im Stroh propagieren. Informationsstellen werden benötigt, die aber saisonal unterschiedlich geöffnet sind. Verwaltungsarbeit, die zwar nicht im Vordergrund steht, fällt an. Zuerst muss man sich überlegen, was man will. Danach muss man dies mit einer professionellen Vermarktung angehen.
Bemängelt wurde von den Gegnern eines Nationalparks das Vorpreschen der Urner Sektion von Pro Natura und der Hans-Z’graggen-Stiftung. Wie stellen Sie sich zu diesen Vorwürfen?
Wüthrich: Es ist ja vor allem die Korporation, die als Eigentümerin uns vorwirft, wir hätten sie nicht rechtzeitig informiert. Nun muss man aber wissen, dass beieiner Zonenausscheidung die politischen Instanzen entscheiden und nicht der Eigentümer. Wenn wir nun die Korporation vor den politischen Instanzen informiert hätten, wären die sich verschaukelt vorgekommen. Als Erstes ging ich mit der Studie zum Landammann. Praktisch gleichzeitig habe ich die Unterlagen den Gemeinden, der Regierung, der Korporation und der Presse zugestellt. Das sind alles unsere Partner, die wir für unser Anliegen gewinnen wollen.
Weshalb ist die Pro Natura in Uri für so viele Leute ein rotes Tuch?
Wüthrich: Wir verstehen uns als Anwalt der Natur. Im Auftrag unserer Mitglieder sind wir verpflichtet, überall dort, wo gegen das Gesetz verstossen wird, zu intervenieren. Eingreifen mussten wir in der Vergangenheit auch in Göschenen und Bristen. Das sind meiner Ansicht nach nun die, die sich zuerst negativ gegen einen Nationalpark gemeldet haben. Vielleicht hat man uns zu wenig gut gekannt. Mit dem Nationalpark sind wir verstärkt ins Rampenlicht gerückt. Bei uns gibt es nicht nur Grüne. Wir haben Vereinsmitglieder und Sympathisanten quer durch alle Parteien.
Sie sind einerseits bei Pro Natura dabei, haben aber auch als Mitglied der Hans-Z’graggen-Stiftung die Studie angeregt. Spielen Sie da nicht eine Doppelrolle?
Wüthrich: Damit habe ich kein Problem. Ich bin seit zwanzig Jahren bei der Pr Natura dabei. Während acht Jahren präsidierte ich den Verein. Zehn Jahre war ich im Zentralvorstand. Ich wusste, was hinter den Kulissen läuft und hatte einen Informationsvorsprung. Zum Mitmachen in der Hans-Z´graggen-Stiftung bin ich angefragt worden. Ich habe mich nicht aufgedrängt. Die Stiftung will genau solche Projekte unterstützen und hat den Entscheid für die Studie im Vorstand einstimmig gefällt. Pro Natura Uri hat kein respektive fast kein Geld. So war das ein sinnvolles Sponsoring. Die Stiftung gab das Geld und Pro Natura besitzt das notwendige Fachwissen und die Infrastruktur.
