Inspiration und Freude

Uraufführung ǀ Ein Urispiegel von Urs Wüthrich entlang der Reuss – Inspiration und Musikfreude vereinen sich zum mitreissenden Strom

Er hat ein Ton- und Bildgemälde zum Reusswasser geschaffen, «Aqua Ruslia» in zwölf Sätzen, das am 11. November 2018 in Erstfeld uraufgeführt wird. Das «Urner Wochenblatt» stellt Urs Wüthrich 13 Fragen.

Von Erich Herger

Wie lautet die Lebensweisheit von Urs Wüthrich?

Es gibt mehrere, aber keine, die einfach starr zu befolgen wäre. Für mich sind Toleranz, Freundschaft und Gemütlichkeit wesentlich.

Panta rhei ist altgriechisch und bedeutet: Alles fliesst. Eine Lebensweisheit nach dem Philosophen Heraklit. «Alles fliesst» ist der Gedanke Ihres Konzertprogramms mit dem Orchester Erstfeld. Ist das Wasser auch Ihr Element und nicht der Wind, der Föhn zum Beispiel?

Wasser ist Leben, das Element überhaupt. Panta rhei ist auch eine Metapher: Es fliesst die Zeit, und das Leben ist ein Kreislauf. Wasser ist nicht nur ein Lebenselixier, es formt auch Landschaften und bestimmt das Klima. Auch im Orchester ist alles im Fluss. Die Quellen von Inspiration und Musikfreude sollen sich zum mitreissenden Strom vereinen. Der Föhn? Ich bin nicht föhnfühlig, aber wenn er dann stark bläst, kann er mir schon auf den Wecker gehen. Gelitten habe ich jeweils als Kollegi-Schüler, wenn ich beim Föhn mit dem Velo nach Erstfeld trampen musste.

Die Komposition befasst sich mit Wasser, «Aqua Rusila», ein Zyklus über die Reuss. Warum die Reuss und nicht der Schächen?

Der Biologe, der Musiker, der Komponist, der Arrangeur, der Naturfotograf, der Reisende. Was ist Urs Wüthrich mehr?

Der Lehrer gehört dazu. Ich habe sehr gerne unterrichtet, zuerst an den Oberstufen in Silenen und Erstfeld, dann an der Mittelschule Uri. Mir gefällt aber die Abwechslung, andere Orte beim Reisen, das Entdecken, der Kontakt mit anderen Kulturen, andere Instrumente beim Musizieren, die verschiedenen Stile der Musik, eine andere Formation, Orchester, Quartett, die Vielfalt der Tiere und Pflanzen. Wenn die Leier kommt, brauche ich wieder etwas anderes. Beim Beruf als Lehrer war aber jeder Tag anders, das erfüllend war für mich.

Das Konzertprogramm ist Wasser, Musik zum Wasser weltweit. Ist das auch eine Botschaft an uns?

Wasser steht für einen enormen Wandel, mehrmals auch in Uri, sei es als Gebirgskanton mit der Wasserkraft, sei es mit Unwettern und Hochwasser. Klimawandel, Gletscherschmelze, Trockenheit beschäftigen uns stark. Wasser! Das Programm Wasser ist vielmehr eine Tatsache, da uns das Wasser sehr nahekommt.

Es heisst auch: Stille Wasser gründen tief. Ist das auch der Mensch Urs Wüthrich?

Ja und nein. Ich bin sehr offen, gesellig und kontaktfreudig, aber ich gehe auch sehr gerne in mich, lese, denke nach und geniesse die Stille. Es gibt zu vielen Dingen und Vorstellungen noch etwas dahinter, Fragen, und die Beantwortung fällt dann nicht so leicht. So ein bisschen Philosophie passt auch dazu. Es ist auch mehr dahinter, wenn wir so alltäglich das Wasser nutzen und Musik hören.

Es steckt mehr dahinter. Zum Konzertprogramm gehört die «Mississippi-Rhapsody» von Alfred Zwyer. Dahinter steckt Urs Wüthrich …

Alfred Zwyer war mein Musiklehrer vom Flötenunterricht bis zum Dirigentenkurs. Ich nahm Klavierstunden beim ihm und sprang für seinen Vater als Organist in der Erstfelder Kirche ein. Er gab mir ein Waldhorn in die Hände, um im Orchester Erstfeld mitspielen zu können. Ich habe enorm viel von Alfred Zwyer gelernt. Seine «Mississippi-Rhapsody» passt natürlich ins Konzertprogramm zum Thema «Wasser» und persönlich zu meinem Engagement als Biologe im Reussdelta, wo ein kleiner Teil der Erholungszone im Volksmund auch Mississippi genannt wird.

Die Komposition «Aqua Rusila» fasst den Lauf der Reuss in 12 musikalischen Etappen, von der Quelle bis zum Meer, verteilt auf einzelne Instrumente, Orchester, Streicherquartett, Bläseroktett, Ländlerorchester. Warum zwölf musikalische Etappen und nicht 13?

Zwölf ist die Uhr und symbolisiert die Zeit. Das ist auch eine Metapher. Ich will den Zeitablauf und den Kreislauf des Lebens zeigen. Panta rhei. Mit dem Fluss und zwölf Metaphern kann ich das veranschaulichen, von weniger Instrumenten zu immer mehr, wie der Fluss schöpft. «Aqua Rusila» beginnt im Prolog mit der Klarinette. Es spielt im zweiten Satz «Animatina» zwar das ganze Orchester als Vorlauf. Danach beginnt die Quelle der Reuss mit der Harfe zu sprudeln, und das Wasser fliesst mit immer mehr Instrumenten bis ins Meer. Zum Schluss schliesst wieder das Klarinettenspiel den Ring über Uri. Begleitet wird der Fluss von Bildern entlang der Reuss.

«Aqua Rusila» ist eine Verstrickung von Naturzyklen, Brauchtum, Sagenwelt und persönlichen Geschichten. Der Teufel ist dabei, Prinz Elvelinus, das Bergvolk. Und wo ist Urs Wüthrich verstrickt?

Einerseits in der Fasnacht. Carnevale mit dem germanischen Element. Das Konzert findet am 11. November statt. In deutschen und schweizerischen Karnevals-, Fasnachts- und Faschingshochburgen wird der 11. November als Elfter im Elften um 11.11 Uhr als Beginn der Karnevalssession oder Fastnachtskampagne gefeiert. Zumindest war ich ein Fasnächtler, maskiert unterwegs mit meiner Frau Rigette. Wir genossen es, die Leute zu frotzeln und zum Narren zu halten, auch über sich selber lachen zu können. Beim Nachhausegehen war es immer hell. Vor allem aber bin ich im Reussdelta und im Urserental dabei. Im Urserental war ich auch als Soldat unterwegs, allerdings mit Fernantenne und Telefon.

Gibt es auch andere Kompositionen?

Ja, zum Beispiel das Blasmusikstück «Drapolingen-Spass», geschrieben damals für den Musikverein Silenen, eine Melodie, die auch im Werk «Aqua Rusila» herauszuhören ist. Oder der Marsch «Zwing Uri». Auch im Satz «Casinotta», dem achten Satz von «Aqua Rusila», steckt ein Walzer, den ich einst komponiert habe.

Von Beruf Biologe. Warum nicht Musiker?

Als Musiker die Biologie im Hobby? Ich weiss nicht, ob das auch funktioniert hätte. Um wirklich ein Leben als Berufsmusiker führen zu wollen, hätte ich von Anfang an mehr für die Aus- und Weiterbildung investieren müssen. Und damals fristet das Fach Musik am Gymnasium eh ein Mauerblümchendasein. Ich musste zeichnen. Was ich konnte, reichte nicht zum Überleben als Musiker. So studierte ich Zoologie und Biologie an der Universität Basel.

Die Komposition «Aqua Rusila» ist ein Baustein des übergeordneten Projekts «TellTill». Till, der Narr mit dem Spiegel, passt zur geliebten Fasnacht. Aber der Tell, der Held?

Der Held hat mit meinem Wohnsitz zu tun. Ich wohne in der Umgebung des Tellmuseums. Der Tell nach Friedrich Schiller ist ein Bürgler. Ich fühle mich wohl in Bürglen. Der Till ist der Schalk, manchmal unser Spiegel. Wenn Tell als Symbol der Freiheit auf den Narren mit dem Spiegel trifft, liegt der Projektname «TellTill» in der Luft. Die Musik von «Aqua Rusila» pendelt zwischen Sagen und Bräuchen, Geschichte und Geschichten. Ich las auch den historischen Roman «Till» von Daniel Kehlmann, Till als Held zwischen Glaubenskrieg und Gaukelei. Am Anfang war die Musik. Dann entstand mit dem Projektwettbewerb der Albert Koechlin Stiftung unter dem Titel «Die andere Zeit» die Idee», Melodien, Fotografien, Grafiken, Texte und Spielen zu verbinden. Das Projekt «TellTill» beinhaltet nun die Komposition «Aqua Rusila», ein Spiegelspiel für Kindern, das zurzeit von der Ludothek Altdorf und der Stiftung Behindertenbetriebe Uri (SBU) in Schattdorf hergestellt wird, und einen Auftritt der Naturforschenden Gesellschaft Uri als Eigentümerin des Teufelssteins in Göschenen. Im Aufbau ist auch eine Website TellTill. Das Spiegelspiel wird im Mai 2019 im Tellmuseum in Bürglen getauft.

Viel Symbolik, viel Geschichte, viel aus der Natur, viele Geschichten, viele Gedanken kommen zusammen, viel Herzblut steckt dahinter. Sind «Aqua Rusila» und «TellTill» also der Urispiegel von Urs Wüthrich?

Ich glaube schon. Es gibt auch in den Urner Sagen, gesammelt von Josef Müller, einen «Urispiegel», ein listiges Bäuerlein, das dem Teufel Wetten vorschlägt, mit denen es den Gehörnten überlistet. «Aqua Rusila» ist der Spiegel, in dem ich Uri, die Zeit und mich selber sehe.

Vielen Dank für das Gespräch.